Menschen von nebenan: Frau Linde Mang

Gespeichert von FragNebenan am 13. Februar 2019 - 15:22
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Wieder stellt uns die Bloggerin Julia einen interessanten Menschen aus der Nachbarschaft vor. Viel Spaß beim Lesen!

Frau Dietlinde Mang wurde vor 81 Jahren im Liebhartstal, das heute Teil von Ottakring ist, geboren. Gemeinsam mit zwei Schwestern wuchs sie in eben jenem Haus auf, das ihr Großvater und ihr Vater damals selbst gebaut hatten und in dem Frau Mang heute immer noch lebt. Inzwischen teilt sie das Haus mit einem ihrer beiden Söhne und dessen Familie. 

Julia: Was haben Sie beruflich gemacht?

Fr. Mang: Ich hab die HTL in der Schellinggassen gemacht und war dann wie mein Großvater und meine Vater auch im Baugewerbe. Ich hab aber Jahre lang nicht gearbeitet, weil ich Kinder gekriegt hab. Danach war ich in der Creditanstalt – wir haben die Filialen selber gebaut.

Julia: Sie sind jetzt in Pension. Inwiefern ist ihr Beruf noch Teil ihres Lebens?

Fr. Mang: Bei mir muss einfach immer was entstehen. Ein theoretisches Jus-Studium zum Beispiel wär nix für mich. Ich bin sehr auf Bauen. Ich bin gar nicht gern in Pension gegangen. Ich bin ja auch noch frühzeitig geschickt worden. Und jetzt leb ich fast schon länger in Pension als was ich gearbeitet hab.

Julia: Welcher Mensch in Ihrem Leben hat Sie denn am meisten geprägt?

Fr. Mang: Meine Mutter. Obwohl mein Vater mich als Einzige von den drei Schwestern in die HTL geschickt hat und auch sein Auto hab nur ich fahren dürfen.  Also, ja, die Eltern waren das Prägende. Meinen Mann war nicht sehr lang da. Ich hab ihn in der Schule kennengelernt und wir haben in den 50er-Jahren geheiratet. Er ist dann weg gegangen und ich war allein mit den Kindern.

Julia: War er Ihre erste Liebe?

Fr. Mang: Ja. Aber er hat sich dann ganz abgesetzt. Hat sich nicht einmal um die Kinder... also Besuchszeiten gab es damals ja noch nicht so. Er war halt zu Weihnachten da und so. Er hätt einfach nie heiraten dürfen, aber das wusste man ja vorher nicht. Er ist in der Zwischenzeit verstorben.

Julia: Hatten Sie dann noch andere Lieben in Ihrem Leben?

Fr. Mang: Es hat sich nichts mehr ergeben. Obwohl ich in einer Männerdomäne gearbeitet hab – ich war in einem großen technischen Büro über dem Franz-Josefs-Bahnhof. Aber die Netten waren verheiratet und die Anderen... na ja...

Julia: Waren nicht nett?

Fr. Mang: Ja. (Sie lacht.)

Julia: Wie war es damals, als Frau in einer solchen Männerdomäne zu arbeiten?

Fr. Mang: Heute hätte ich, nachdem ich ja fast zehn Jahre wegen der Kinder nicht gearbeitet hatte, keine Chance mehr in diesem technischen Beruf einzusteigen. Verändert sich ja alles viel zu schnell. Aber ich wurde damals doch... na ja, „geschätzt“ will ich nicht sagen... man hat mich leben lassen. Und ich habe mich halt langsam hinaufgedient als Zeichnerin. Ich bin Linkshänderin und als Kind umerzogen worden auf die rechte Hand. Aber gezeichnet hab ich immer mit der linken Hand. Die Lineale und Zeichenmaschinen waren aber alle auf rechts ausgerichtet. Wirklich glücklich geworden bin ich dann also erst als Bauleiterin. Da hab ich eine schöne Zeit gehabt. Da war ich selbständig. Meine Enkelinnen haben das auch, die Linkshändigkeit. Der Bub nicht, aber die Mädchen. Zum Glück dürfen die das heute alles mit links machen.

Julia: Womit haben Sie am meisten zu kämpfen gehabt?

Fr. Mang: Das Alleinsein und die ganze Verantwortung für die Kinder, das war schon... In der Schule war ja am Muttertag immer Elternabend – da wär ich immer am liebsten unter den Teppich gekrochen. Ich hab halt alles alleine getragen. Dass am Ende doch alles gut geht weiß man halt im Vorhinein nicht.

Julia: Was wünschen Sie sich, das zukünftig auf zwischenmenschlicher Ebene erhalen bleiben soll? Was würden Sie jüngeren Generationen gerne ans Herz legen?

Fr. Mang: Dass man mit den Nachbarn Kontakt hat, dass man miteinander kommuniziert. Und dass man Kontakte auch in anderen Altersstufen pflegt. Dass man sich mit Jüngeren und Älteren trifft. Das hab ich auch. Im Kinderheim St. Benedikt werden Kinder aufgenommen die nicht bei ihren Eltern leben können. Und da gibt es eine Gruppe von Frauen – vier Weiber sind wir, wir gehen jeden Mittwoch dort hin und bügeln die Wäsche von dreißig Kindern. Ich bring einen Kaffee mit und die geben uns einen Kuchen und wir tratschen und jausnen und dann bügeln wir wieder. Das geht einem ab, wenn man nicht bügeln gehen kann. Eine der Frauen ist schon über neunzig und kommt noch und hilft, ich bin achtzig und andere sind jünger. Ein paar sind schon weg und dann glaubt man manchmal, es geht nicht weiter, aber es geht doch immer weiter. 

Julia: Für was sind Sie in Ihrem Leben am meisten dankbar?

Fr. Mang: Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, die nicht schön war. Aber ich war zu jung um die ganzen Schrecken, die damals passiert sind, zu erfassen. Und von dieser Zeit an ist es langsam bergauf gegangen. Es hat Einschränkungen gegeben, aber es ist immer besser geworden. Die Seligkeit der ersten Waschmaschine können Sie sich gar nicht vorstellen. Ich hab da zugeschaut, wie sich die Wäsche dreht – wie ferngesehen. Man hat so Stück für Stück gekriegt und sich daran freuen können. Wenn man gleich alles hat, schätzt man es ja gar nicht so. Es war lange eine positive Entwicklung. Und alle haben ungefähr gleich viel gehabt. Natürlich hat es immer reiche Leute gegeben, aber wir sind in der Mittelschicht aufgewachsen und wir hatten alle ungefähr gleich viel. Das war beruhigend. Ich hatte immer das Gefühl, dass es bergauf geht. Und das ist etwas, was ich mir auch wünschen würde, dass es so bleibt – dass wir diesen Wohlstand und den Frieden weitergeben können.

Frau Dietlinde Mang hat mir außerdem sehr viel über das Liebhartstal erzählt. Es war die Rede von Rodelstraßen, Pompfinebrern und dem Friedhof. Bilder der Vergangenheit, nachzulesen hier: 

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