Menschen von nebenan: David

Gespeichert von Julia am 4. September 2017 - 9:26
Tags: Menschen von nebenan

David aus Wien

David ist am Bauernhof aufgewachsen und über Umwege auf der Bühne gelandet.  Er ist außerdem Pferdeführer in der Hippotherapie und kennt sich besonders gut mit Kühen aus. Wir trafen uns zu unserem Gespräch im Stadtpark und haben uns lange über Dinkel, Einkorn und Strumpfn unterhalten, bevor ich dazu kam, ihm meine Fragen zu stellen. Er erzählte mir vom Einfluss der Großfamilie, vom In-tune-Sein und davon, wie sich das Filmemachen mit sozialem Engagement verbinden lässt.


Julia: Für was bist du in deinem Leben am meisten dankbar?

David: Ich glaub, es ist das Dankbarsein an sich. Weil es ein richtig schönes Gefühl ist – ehrliche Dankbarkeit. Weil es bedeutet, dass man sich freut, über das, was man erlebt oder über einen Menschen. Und das macht so viel Lebensqualität aus.

Julia: Und nimmst du das oft wahr – dieses Gefühl?

David: Ja, ich denke schon. Es war auch eine Zeit lang weg. Eine Zeit, in der ich mich nicht freuen konnte, eine Zeit, in der ich viel Reue in mir hatte. Aber ich konnte wieder zurück zur Dankbarkeit. Es gibt so viele Möglichkeiten, wo man das haben kann, wo das da sein kann. Dieses Gefühl, diese Verbindung, dieses „Schön-dass-du-da-bist“ oder „Schön-dass-ich-da-bin“, „Schön-dass-die-Welt-da-ist“. Ich glaube auch, wenn man dieses Gefühl hat, wenn man dankbar ist, ist das eine gute Basis für die Kommunikation mit Anderen. 
David hat kürzlich gelesen, dass jeder Mensch die Verantwortung trägt für das, was man ist und für die eigene Energie, die man mitbringt, und somit auch für die eigene Befindlichkeit. Und das ist ihm hängengeblieben.
David: Zumindest gefällt es mir, für meine Energie verantwortlich zu sein.

Julia: Gibt es etwas in deiner Kindheit, für das du speziell dankbar bist?

David: Ja, dass ich mit so vielen verschiedenen Leuten aufgewachsen bin. Meine Tanten haben alle bei uns gewohnt. Und die haben sich viel um mich gekümmert, als meine Mama wieder zu arbeiten begonnen hat. Und auch meine Onkel und die Oma. Es waren einfach sehr viele und sehr unterschiedliche Menschen. Ich hab neunzehn Cousins und Cousinen. So bin ich quasi in einer Großfamilie aufgewachsen, obwohl ich keine Geschwister hatte. Ich glaube, dass es total cool ist, wenn man verschiedene Einflüsse hat, wenn man groß wird. Ich glaube, es ist wichtig für die Entwicklung und für ein Empfinden von Richtig und Falsch, dass man merkt, dass es Unterschiede gibt und man dadurch Seins suchen und finden kann. (Es gibt nicht eine Form von „Richtig“.) Ich glaube, dass die klassische Familie – Vater, Mutter, Kind – oft gar nicht so vorteilhaft ist, weil es vielleicht gut wäre, wenn man lernt, dass es Verschiedenheit gibt. Wenn es Großeltern, Onkel und Tanten gibt, gibt es mehrere Möglichkeiten, Beziehungen aufzubauen und dadurch zu lernen. 

Julia: Für welchen Teil an/in/von dir selbst bist du am meisten dankbar?

David: Ich glaube, für meine Empathiefähigkeit.

Julia: Und was würdest du gerne noch lernen?

David: Noch mehr zulassen zu können was ist. Das Jetzt annehmen zu können. In-tune-sein. Ich glaube, da geht immer mehr. Da kann man immer lernen. Ich glaube nicht, dass das aufhört, dass man eines Tages sagt: „So, jetzt bin ich genug in-tune.“

Julia: Ganz was anderes: Lieblingsspeise?

David: Boah, du fragst mich Sachen! Lieblingsspeise!!?! Ich esse so viele verschiedene Sachen gerne. Aber etwas gibt es schon: Wenn ich in Bad Ischl bin, ess ich einen „Börni Burger“. Ein Überbleibsel aus der Schulzeit. 

Julia: Wenn du hundert bist, was soll rückwirkend die schönste Erinnerung deines jetzigen Alters sein? Was soll als Erinnerung bleiben?

David: Dass ich mich als erwachsener Mann, als Individuum gefunden habe. Da bin ich grad drin und vielleicht wird’s das dann sein. Ich hab grad gelesen, dass es verschiedene Phasen gibt, die jeder zu einem anderen Zeitpunkt durchläuft. Es gibt Leute, die sind mit achtzehn, neunzehn erwachsen. Und dann gibt es Leute, die werden erst im späteren Verlauf oder sogar erst  mit fünfunddreißig, sechsunddreißig erwachsen.

Julia: Aha, sechsunddreißig! Noch später geht nicht?

David: Ja, doch natürlich. (Er lacht.) Halt irgendwo zwischen dreißig und vierzig. Und ich steck da eben grade mittendrin im Erwachsenwerden. 


David glaubt, die Schauspielerei hat mehr mit ihm selbst zu tun und wirkt sich nicht so direkt auf sein Umfeld aus (in Form von konstruktivem Beitrag zur Gesellschaft). Diesbezüglich schätzt er beispielsweise die Arbeit der Mutter sehr, die in einem Alten- und Pflegeheim auf der Station für demente Menschen tätig ist. 

Mit einem Kollegen gemeinsam hat David in den letzten Jahren zwei Dokumentationen über die Arbeit dort gedreht und veröffentlicht. Im aktuellen, dritten Dokumentarfilm geht es um kongruente Beziehungspflege – ein Pflegesystem, in dem man davon abweicht, nach rigiden vorgegebenen Strukturen zu arbeiten und viel mehr auf den einzelnen Menschen eingeht. Das hat nämlich nicht nur auf die Betreuten eine sehr positive Auswirkung, sondern auch auf die Pflegekräfte, die andernfalls immer an einer Schnittstelle zwischen System und Mensch agieren und meist damit zu kämpfen haben, die Aufgaben der einen und die Bedürfnisse der anderen Seite zu vereinen. 

Das System der neuen Pflegeform entsprechend umzustellen ist natürlich nicht einfach. Das aktuelle heißt Motto „Wer schreibt, der bleibt.“ Nur schriftlich Festgehaltenes gilt als korrekte Arbeitsweise. Die Dokumentationspflicht schluckt viel Arbeitszeit und Energie. Es scheint längst an der Zeit für Veränderung. Genau dazu können die Dokumentationen der beiden beitragen. Und das erfüllt David mit dem Gefühl der Sinnhaftigkeit. 

Bühne, soziales Engagement und die Arbeit mit den Tieren. Klingt doch schön! Scheint, als könnte Davids Weg ein Weg der Vielfältigkeit bleiben!



Tipps:

  • Im September ist David als Klimt in Paulus Mankers „Alma“ in Wiener Neustadt zu sehen.
  • Wer gerne über Davids Weg vom Bauernhof auf die Bühne lesen möchte, kann das im Weekend tun.


Ich jedenfalls weiß jetzt nach dem Gespräch mit David, dass ich durchaus noch ein wenig Zeit habe, um ganz erwachsen zu werden. Und auch zu einer Rezept-Idee hat er mir verholfen: Der nächste Kuchen wird mit Einkorn gebacken! Wer wissen möchte, wie sich das Korn beim Backen auswirkt oder Lust hat, weitere Portraits von interessanten Persönlichkeiten zu lesen, kann sich auf lieblingsleben.blog umschauen! Ich freue mich über Besuch!

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Eure, Julia

Orte:  Wien