Menschen von nebenan: Dieter

Gespeichert von Julia am 14. Juni 2018 - 13:15
Tags: Menschen von nebenan

Manche unserer Nachbarn leben nicht in der Wohnung nebenan, sondern auf der Straße. Oft schon habe ich mich gefragt, wie es dazu kommen kann, wie ein Mensch einen solchen Wandel im Leben erfährt und was das mit ihm macht. Dieters Geschichte erzählt den Weg von ganz oben nach ganz unten und wieder raus aus den dunklen Untiefen des Lebens.

Dieter: Obdachlos werden immer Andere. Das passiert anderen Menschen, aber nie einem selbst. Meine Meinung war auch von Klischees behaftet: Selber schuld, hab ich mir gedacht, die saufen, die hackeln nix. Würden’s das nicht tun, würden’s nicht saufen, dann hätten’s sehr wohl an Job. Ich hab dann leider erkennen müssen, dass das nicht immer der Auslöser ist. In meinem Fall ist es auch nicht so, dass ich eine schwere Kindheit gehabt hätte oder so was. Ich komme aus einem Akademikerhaushalt, hatte eigentlich eine glückliche Kindheit und Jugend, hab das Gymnasium gesucht, den Beruf des Einzelhandelskaufmanns erlernt, musste nach Abschluss der Lehre aber zum Militär, wo ich nie hinwollte, weil damals noch nicht die Möglichkeit bestand, freiwillig Zivildienst zu wählen. Wenn man als Pazifist zum Beispiel den Dienst an der Waffe verweigerte war das an gewisse Sanktionen gekoppelt. De facto musste ich also zum Heer. Ich war beim Luftlandebataillon und bin dann draufgekommen dass das doch nicht so schlecht ist. Wir sind mit den Hubschraubern durch die Gegend geflogen, haben sehr viel Sport gemacht, waren in den Bergen, ich war immer schon begeisterter Bergsteiger, Fallschirmspringen und so weiter. Also Dinge, für die man privat sehr viel Geld ausgibt, konnten wir dienstlich machen und haben sogar noch etwas dafür bezahlt gekriegt. Ich dachte, das schau ich mir ein paar Jahre an. Aus diesen paar Jahren sind dann sehr viele geworden, eigentlich fast ein ganzes Berufsleben.

Ich hab parallel zum Heer diverse Zusatzausbildungen gemacht. Zum Beispiel Radiosprecher, Moderator, Kommunikationstrainer, Rhetoriktrainer, Fachlehrer für Erwachsenenbildung, Englisch auf Dolmetschniveau, eine psychologische Ausbildung und die ganzen Computerpipifax-Gschichten. Ich war also sehr gut ausgebildet, beim Militär im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit und die letzten sechs Jahre der achtundzwanzig direkt im Ministerium im Generalstab unterm Minister. Ich war das verantwortliche Bindeglied zwischen Militär und Wirtschaft. Ich wollt die Armee immer wieder verlassen... aber ich hab mich halt auch einkaufen lassen. Und so sind es achtundzwanzig Jahre geworden.

Nach diesen achtundzwanzig Jahren Arbeit und Stress stand ich kurz vor einem Burnout. Ich hab nicht gewartet, bis es da war, ich hab mir gedacht, na, i geh oafoch. Ich hab aber nicht gekündigt, sondern mich unbezahlt karrenzieren lassen. Zwischenzeitlich war ich dann Marketingdirektor einer großen Sicherheitsfirma, die sich nicht an Abmachungen gehalten hat, also haben wir uns auch getrennt. Ich konnte mich nicht arbeitslos melden, weil ich noch ein aufrechtes Dienstverhältnis mit dem Militär hatte – unbezahlt und unversichert – ich hätte also theoretisch zurückgehen können, wollte ich aber nicht. Und das ist eigentlich auch schon die ganze Geschichte, denn wenn kein Einkommen mehr da ist, kannst du irgendwann die laufenden Ausgaben nicht mehr bewerkstelligen.

 

 

Wieso hat Dieter dann aber nicht gekündigt? fragte ich mich. Und wo waren seine Freunde? Seine Familie? Viele Zigarettenlängen lang saßen wir im Hinterzimmer eines kleinen Cafés und Dieter beantwortete alle meine Fragen. Nur die Neugierde betreffend der Bedeutung seines Tatoos am Unterarm blieb ungestillt. Das würde er mir erst zum zehnten Hochzeitstag verraten. Dieses Geheimnis bleibt also ungelüftet. Alles andere von Dieter liest man auf lieblingsleben.

Wir freuen uns über Leserschaft!

 

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Kommentare

Sicher nicht alles ganz so wie erzählt aber dennoch, ich finde den Kerl schon allein vom Foto her Sympathisch! Wünsch ihm alles gute und niemals die Hoffnung aufgeben!