Frau O.

Gespeichert von Julia am 25. April 2018 - 13:00
Tags: Menschen von nebenan

Portrait frau O aus den 40ern

Ich habe Frau O. sozusagen über eine Anzeige kennengelernt. Hier auf FragNebenan hatte ich vor einigen Wochen nach Menschen gesucht, die gerne von sich und ihrem Leben berichten möchten. Die Tochter von Frau O. hat ihre Mutter als Gesprächspartnerin vorgeschlagen und so ging ich sie letzte Woche zuhause im zwölften Bezirk besuchen.

Frau O.: Früher sind wir ja immer in Kaffeehäuser gegangen, aber die haben ja alle zugesperrt. Sogar das Haus Altmannsdorf ist verkauft worden. Es gibt nur eine einzige Möglichkeit noch, die für mich erreichbar ist, und das ist am Khleslplatz das Seniorenheim, das hat unten ein Kaffeehaus. Sperren allerdings um zwölfe auf. Sonst nichts. Früher bin ich auch allein gegangen mit dem Rollator. In die Bäckerei Schwarz am Kabelwerk und so. Und davor mit dem Auto überall hin. Ich kenne sehr viele Konditoreien in Wien.

Julia: Und das fehlt Ihnen jetzt?

Frau O.: Na, das fehlt mir eigentlich nicht. Mir fehlt ein Balkon. Mir fehlt die Natur, das Freie. Das selbstständige Hinausgehen. Das fehlt mir. Die Abhängigkeit – ich muss um alles bitten und betteln, nicht? Und das ist für mich, da ich immer so ein überselbständiger Mensch war – na.

 

Frau O. ist fast neunzig und zum ersten Mal in ihrem Leben körperlich eingeschränkt. Man muss dazu sagen, nichts von dem, was sie mir folgend berichtet, ist klagend. Mit fester, nüchterner Stimme stellt sie ihre Situation und die des Umfelds fest. Kein Seufzen, kein Raunzen, kein Nörgeln. Eine Wienerin wie man sie selten trifft.

 

Fr. O.: Ich bin schwindelig, hab Gleichgewichtsstörungen. Ich geh mit dem Rollator. Und mir fallen gewisse Dinge nicht mehr ein. Und jetzt bin ich seit ca. fünf Monaten schon mehr oder weniger isoliert, weil ich mir einen Trümmerbruch zugezogen hab. Ich bin die Stufen runtergefallen. Das hat mich jetzt also sehr zurückgeschlagen, nicht? Dieser Schock hat mich noch immer nicht ganz verlassen. Ich hab richtig Angst- und Panikattacken. Ich konnte die Wohnung nicht mehr verlassen und besuchen ist auch keiner gekommen. Anrufen tut auch keiner mehr, weil ich niemanden mehr hab. Es kommt nur eine Trainerin, die mit mir das Stufengehen übt. Es ist eigentlich nicht so sehr, dass ich es nicht kann, sondern weil ich unsicher bin. Weil wir hier (Anm.: sie deutet Richtung Stiegenhaus) keinen Handlauf haben, bei dem ich mich mit der gesunden Hand anhalten könnte. Und dem Sozialbau ist es zu teuer dort ein Eisenstangerl anzubringen, nicht? Ois dann. Ich bin in der Anlage die hier am längsten Wohnende – im Jänner sechzig Jahre. (Sie lacht.) Ich bin eine echte Meidlingerin. Geboren in der Ratschkygasse, gewohnt gegenüber vom Meidlinger Friedhof und dann hierher gezogen.

 

Julia: Haben Sie denn keinen Kontakt zu den Nachbarn?

Fr. O.: Nicht mehr. Sind ja alle tot. Ich bin übergeblieben. Zu Anfang waren auf dieser Stiege ja auch etliche Kinder da. Jetzt ist überhaupt kein Kind mehr da. Kein einziges. Und die meisten freiwerdenden Wohnungen werden vom Sozialbau seltsamerweise hauptsächlich an junge Männer – also jüngere, für mich ist bald wer jung – also jüngere Singlemänner vergeben. Ich habe keine Ahnung, wer da jetzt wohnt.

 

 

Julia: Und wie war der Kontakt früher? Haben sie früher Kontakt gehabt?

Frau O.: Na selbstverständlich. Schon alleine deswegen, weil ich elf Jahre zuhause war mit den Kindern. Damals gab es sehr viele Frauen, die „nur“ Hausfrauen und Mütter waren. Wir haben die Kinder in die Schule begleitet und uns beim Einkaufen getroffen. Es war eine sehr gute Hausgemeinschaft. Den direkten Nachbarn habe ich meine Blumen geben können und ich hab ihrer damals alten Mutter, die fast blind war, das Mittagessen gewärmt und so. Miteinander auf Urlaub gefahren. Man war eigentlich mit allen Parteien gut. Heute sehe ich nur noch meine Tochter, die nebenan wohnt. (...) Ich habe mich nach zwanzig Ehejahren von meinem Mann scheiden lassen, war sieben Jahre mit meinem Kindern alleine und habe anschließend noch jemanden kennengelernt, hab also noch eine Partnerschaft gehabt. Sieben Jahre lang. Und mit diesem Mann sind wir dann Campen gefahren – mit Campingwagen und Wohnmobil. Das war für mich gegenüber meiner furchtbar faden Ehe sehr lebhaft und interessant. Ich war so eine zweihundertprozentige Mutter. Von klein auf für kleine Kinder da. Mein ganzes Leben haben mir Leute ihre Kinder anvertraut, im Bus haben sich Kinder neben mich gesetzt, mir sind sie zugegangen die Kinder. Ich hab meine Tochter mit vierundzwanzig bekommen und meinen Sohn mit neunundzwanzig. Aber mit neunundzwanzig bekommen viele ein Kind. Beobachten Sie das mal. Wissen Sie warum?

 

Julia: Weil die Dreißig näher rückt vielleicht.

Frau O.: Na, damit hat das nichts zu tun. ... Weil das der erste Saturnumlauf ist. Ich habe mich lange mit Astrologie beschäftigt. Ich hab das drei Jahre lang in Eigenregie mit Büchern und Unterlagen studiert, habe Horoskope gezeichnet und ausgerechnet. Jetzt ist das ja nicht mehr so mühsam, jetzt geht’s übern Computer. Der kann das auch auf Hundertstelgrad ausrechnen, das ist natürlich noch genauer. Ich hab sehr viele Beratungen gemacht. Am liebsten hab ich es für Neugeborene gemacht. Hätte ich damals von meinen Kindern so etwas gehabt als sie zur Welt kamen hätte ich wahrscheinlich vieles anders gehandelt. Na ja, sicher, weil meine Tochter ist ja so ein Kontrastprogramm zu mir. Sie ist ganz der Vater. Ich hätte gewusst auf welche Weise ich sie zu behandeln gehabt hätte.

 

Frau O. hat ein erstaunliches Erinnerungsvermögen. Dass ihr „gewisse Dinge nicht mehr einfallen“, kann ich nicht bezeugen. Selten nur muss sie in ihrem Kopf nach einem Straßennamen oder dergleichen kramen, findet ihn dann aber immer noch schneller als ich. Sie erinnert sich nicht nur an Einzelheiten und besondere Details ihrer Vergangenheit, sondern an Zahlen und exakte Daten, Orte, Gesamtbögen und Zusammenhänge, pharmazeutische Fachausdrücke, Sternzeichen und nahezu lückenlos an die Ereigniskette ihrer bisherigen neunzig Lebensjahre. Mehr davon erzählt sie auf lieblingsleben. Frau O. und ich freuen uns über Leserschaft!

 

Eure Julia


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Kommentare

Danke für die Geschichte. Ich würde mich freuen, solche Interviews öfter zu lesen.

Auch ich möchte mich für das Interview bedanken. Es ist sehr berührend, wie Frau O. über ihr Leben spricht.

Danke auch