Menschen von nebenan: Mariam & Ruth

Gespeichert von Julia am 12. März 2018 - 12:30
Tags: Menschen von nebenan

Ruth und Mariam beim Kleiderschneiden

Vor genau einem Jahr haben Mariam und Ruth eine OG gegründet, eine Offene Gesellschaft, und im dritten Wiener Bezirk „Lieblingssachen“ eröffnet – ein Atelier für Modedesign, Anfertigungen & Reparatur von Lieblingskleidungsstücken.  

Mariam: OG, das bedeutet es ist eine Art Ehe. Wir sind eine eheähnliche Verpflichtung eingegangen.

Ruth lacht. Verheiratet sind die beiden nämlich nicht. Die aus Innsbruck stammende Mariam lebt mit ihrer Familie im dritten Bezirk, die Ur-Wienerin Ruth mit ihrer im Zehnten. Die gemeinsamen Atelierräumlichkeiten in der Rechten Bahngasse haben die Zwei schicksalshaften Wendungen zu verdanken.

 

Mariam: Im Endeffekt war’s der Zufall der uns hierhergeführt hat. Wir hatten eigentlich schon andere Räumlichkeiten, sind dann aber draufgekommen, dass Schimmel hinter der Wand war. Wir hatten also gleich zu Beginn mit Problemen und einem schwierigen Hausbesitzer zu kämpfen, sodass wir nochmal aus dem Vertrag aussteigen mussten. Da waren wir vorrübergehend schon ziemlich verzweifelt.

Ruth: Wir hatten ursprünglich viel kleiner gedacht. Angefangen haben wir in Mariams Atelierzimmer zuhause auf 25 Quadratmetern. Mieten wollten wir dann was so zwischen 70 und 90 Quadratmetern. Als wir aus dem bereits unterzeichneten Mietvertrag wieder austreten mussten, war ich eigentlich total frustriert und wollt überhaupt nicht mehr suchen. Zufällig hab ich online das hier entdeckt. 150 Quadratmeter, wunderschöne Bilder. Und ich hab’s mehr oder weniger zum Spaß der Mariam geschickt.

Mariam: So quasi „Da könnten wir ja gleich das hier nehmen!“... Aber ich hab mir sofort gedacht: „Das ist es!“ Es gab ein ziemliches G’riss drum. Wir haben unser Konzept von „Lieblingssachen“ vorgestellt und den Besitzern hat das gefallen.

 

Julia: Und fühlt ihr euch wohl hier im neuen Grätzel?

Mariam: Absolut. Ich fühl mich wohl und sicher. Alles, was man sich wünscht, ist in Fußnähe: der grüne Prater, der erste Bezirk, Geschäfte,..... Ich fühl mich hier einfach wirklich gut aufgehoben.

 

Julia: Gibt es einen Geheimtipp, den du mit uns teilst? Irgendetwas, was man im dritten Bezirk gesehen oder besucht haben muss?

Mariam: Ich habe ein persönliches Wahrzeichen im Bezirk: den Hasen vom Zaubergeschäft an der Ecke Marxergasse und Bechardgasse. Früher war das Geschäft genau an der Ecke und der riesige Hase ragte über dem Eingang aus einem Zauberhut, und immer, wenn ich mit den Kindern nachhause gekommen bin und wir den Zauberhasen gesehen haben, wussten wir, jetzt sind wir daheim. Aber dann ist das Geschäft ein Stück weitergezogen und zum neuen Handygeschäft an der Ecke passte der Hase natürlich nicht. Es sah so aus, als würde er abgerissen werden, also bin ich ins Zaubergeschäft gegangen und hab ihnen vorgeschlagen den Hasen doch mitzunehmen. Und so haben sie ihn über das neue Geschäftsportal in der Marxergasse versetzt und sogar frisch gestrichen.

Ruth: Ich bin im Zehnten geboren, aufgewachsen und wohn immer noch dort. Ziemlich weit draußen. Also ein großer Unterschied zum Dritten. Hier geht man durch Häuserzeilen, im Zehnten draußen bei uns durch sehr viel mehr Grün. Diesen Mix finde ich an Wien so spannend. Und die Verbindung zwischen meinem Zuhause und dem Arbeitsplatz hier ist spitze. Es gibt gleich mehrere Möglichkeiten, ans Ziel zu kommen. Da ist Wien einfach super aufgestellt. Ich bin in 20 Minuten hier.

 

Julia: Gibt es auch etwas, was du am Dritten besonders schätzt?

Ruth: Ja, was es im Zehnten nicht so gibt sind diese kleinen, feinen, alternativen Läden. Zum Beispiel unser Eisenwarenhandler (in der Neulinggasse). Der hat uns in der Renovierungsphase sehr geholfen.

Mariam: Der weiß einfach zu allem was.

Ruth: Der hat zum Beispiel oft ein Schild an der Tür „Komm ins Café nebenan“ und dann geht man halt rüber und fragt dort nach ihm. Und wenn ich jetzt in der Früh ins Atelier gehe sperrt er immer grad auf und ruft „Servas! Guten Morgen!“ – das ist schon nett. Dieses Grätzelgefühl. Das hat Charme.

Mariam: Und dann zum Beispiel die „Warenhandlung“ in der Marxergasse – ein Biogeschäft mit kleinem Café, das von zwei Schwestern betrieben wird. Total süß. Da kann man die Oliven selber abfüllen oder das Öl. Super. Und gleich in der Nähe der Inder, wo ich den Reis, den Ingwer und die Räucherstäbchen hol. Der hat allerdings nur abends offen.

Ruth: Etwas weiter vorne gibt’s dann noch die Trafik, in der man auch Schallplatten kriegt. Da steht immer eine Kiste voll Schallplatten und der Reinerlös wird vom Trafikanten gespendet. Dieses fast dörfliche Gefüge hab ich innerhalb kürzester Zeit sehr zu schätzen gelernt. Wir versuchen auch, das gezielt zu nutzen und wenn wir etwas zukaufen müssen, regional zu bleiben. Oder wenn wir was reinigen lassen, gehen wir auch zur Reinigung unseres Vertrauens an der Ecke vorne. Oder die „Stoffschwester“ in der Beatrixgasse hat zum Beispiel super Qualität an Stoffen, auch Biostoffe.

Mariam: Wir geben lieber mal einen Euro mehr aus und bleiben dafür in der Region.

 

 

Julia: Dann müsst ihr also nichts über Amazon bestellen.

Nahezu entsetzt ziehen Beide gleichzeitig scharf die Luft ein und deuten mir durch abwehrende Gesten, dass das wohl das Letzte wäre, was sie in Anspruch nehmen würden.

Mariam: Das versuchen wir zu vermeiden. Wir laufen weit für unsere Bücher.

 

Julia: Und wer kommt zu euch? Was bringt die Kundschaft euch mit? Welche Wünsche werden in einem Atelier wie diesem umgesetzt?

Mariam: Es ist ganz unterschiedlich, was so daher kommt – mal ist es ein Brautkleid, ein Ballkleid oder aber die Lieblingsjeans zum Flicken. Manchmal kommen die Leute einfach, um eine Hose kürzen zu lassen. Und wir finden das alles wichtig, weil es Lieblingssachen eben wert sind, repariert zu werden. Was es schon gibt, wird geflickt und was es noch nicht gibt, erfinden und erstellen wir nach Maß.

Ruth: Wir hatten auch schon Kundinnen, die beispielsweise ein Erbstück von der Oma gebracht haben das man in der gegebenen Form nicht mehr anziehen oder verwenden konnte. Da finden wir dann Lösungen. Entweder wird es umgeschneidert oder es wird ein Teil daraus zu einem Gürtel verarbeitet oder eine Stickerei auf ein anderes Kleid angebracht und dergleichen. So schauen wir auch dass Erinnerungen weiterleben können.

 

Julia: Schneidert ihr auch Lieblingssachen nach?

Mariam: Ja, auch. Wir schneidern natürlich nicht von einem anderen Designer oder einer anderen Designerin nach. Aber wenn jemand ein Lieblingsstück bringt, dass man so nicht mehr kaufen kann...

Ruth: Oder eine Lieblingsjeans, die nur noch an den Nähten zusammenhängt und der Stoff schon ganz mürbe ist, dann können wir die nachschneidern. In verschiedenen Stoffen und Farben und mit verschiedenen Schließmöglichkeiten. Da hat man dann die Lieblingsjeans in vielfacher Anfertigung.

Mariam: Aktuell schneidern wir ein Brautkleid um. Die junge Frau hat im letzten Jahr geheiratet und veranstaltet jetzt eine Party bei der sie das Brautkleid als fancy Partydress tragen will. Es wird also etwas umgeschneidert, mit einer anderen Farbe kombiniert, bekommt einen Gürtel und wird mit den Schuhen, die wir dazu ausgesucht haben, zu einem Partyoutfit.

Die Sneakers dazu sind dunkelblau und haben breite, glänzende Satinbänder zum Schnüren. Perfekt, um eine Nacht durchzutanzen.

Ruth: Sie hat gesagt, sie hat nicht mehr atmen können in dem Kleid, die Korsage muss weg, dafür will sie einen Rock, die Spitze wird zum Oberteil...

 

Julia: Das heißt, man kann mit sehr individuellen Wünschen zu euch kommen.

Mariam: Am allerliebsten mit individuellen Wünschen!

 

Ruth und Mariam haben ihre Leidenschaft, ihre Lieblingstätigkeit, zum Beruf gemacht und das sieht man wenn man ihr Atelier betritt. Liebevoll gestaltet und eingerichtet, umgeben von bunten Textilien und Zubehör, befindet man sich in einer Welt der Kleider und Ideen, die einen staunen lässt.

 

Woher die beiden kommen, welche Wege sie gegangen sind, bevor sie aufeinandertrafen und welche Rolle Kleider in ihrer beider Leben spielen, erzählen die beiden Frauen im zweiten Teil des Interviews auf www.lieblingsleben.blog. Ich freue mich über Leserschaft!

 

Eure Julia


 

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Atelier „Lieblingssachen“, Rechte Bahngasse 28, 1030 Wien

Mariam Wahsel und Ruth Zach

www.lieblingssachen.at