Menschen von nebenan: Herr Markovic

Gespeichert von Julia am 10. August 2017 - 11:10
Tags: Menschen von nebenan

Herr Markovic im Café Weidinger

Ich habe Herrn Markovic zufällig entdeckt. Im Café Weidinger im 16. Bezirk, direkt am Gürtel. Er ist dort Stammgast. Eines Morgens habe ich mich auf seinen Stammplatz gesetzt und gewartet. Ich wollte wissen, was hinter dem alten hellgrauen Anzug und dem fleckigen rosa Jäckchen, das er immer drunter trägt, steckt. Ich wollte wissen, wer dieser Mensch war, der jeden Morgen seine Münzen für den Kellner abgezählt an den Tischrand schiebt und dann in Ruhe sein Wiener Frühstück mit Melange genießt.

Herr Markovic im Café Weidinger
© Julia Koch 

Herr Markovic ist eines dieser Gesichter, die man irgendwie schon kennt, weil sie einem täglich begegnen. So wie das Gesicht der Frau an der Billakassa oder das Gesicht des Postboten, der mir immer meine Päckchen in den dritten Stock hochbringt. Und doch kenne ich sie eben nicht. Wir wechseln Worte miteinander ohne uns dabei in die Augen zu schauen. Manchmal berühren sich sogar flüchtig die Hände, aber wir nehmen keine Notiz davon. Wir haben nicht wirklich Kontakt zu den Menschen, die uns umgeben. Nicht zu den eigenen Nachbarn, geschweige denn zum Straßenkehrer, der regelmäßig mit seinem Wagen durchs Grätzl zieht. Klar, Wien ist kein Dorf! Es sind zu viele Menschen. Unmöglich können sie alle in meinem Leben Platz finden. In der Stadt ist es normal, dass man sich nicht grüßt. Es ist normal, dass man dicht gedrängt in der U-Bahn steht und sich dennoch ignoriert. Die Anonymität der Großstadt lehrt uns, parallel existieren zu können und als System zu funktionieren. Diese Fähigkeit hat aber auch zur Folge, dass wir den Kontakt verlieren, und dass wir vergessen, dass sich hinter jedem anonymen Gesicht eine ganz eigene, persönliche und wunderliche Welt verbirgt.

 

Auf lieblingsleben.blog erzähle ich die Geschichten zu den Gesichtern von nebenan. Und auf FragNebenan stelle ich Ihnen einige vor. Herr Markovic macht den Anfang.

 

Als ich ihn fragte, ob er bereit wäre, mir ein Interview zu geben, nahm er meine Hand, lachte und begann zu erzählen. Ich weiß jetzt, dass er immer im Weidinger frühstückt, weil er zuhause alleine ist. Weil er nicht kochen kann. Weil er früher hier immer mit der Liebe seines Lebens gesessen und gegessen hat. Eine spannende Geschichte. Eine Geschichte ganz anders als erwartet.

 

HERR MARKOVIC ERZÄHLT

Name             Herr Markovic

Beruf             Ewiger Student

Wohnort        Wien, 1070

Getroffen      Café Weidinger, Wien, 1160

 

 

Lieblingsgeschichte aus der Nachbarschaft

Man muss wissen, Herr Markovic lebt seit er 19 Jahre alt ist im selben Haus. In der Wohnung seiner Geliebten, die er anno dazumal im Gänsehäufel kennengelernt hat. Eine wunderschöne, verheiratete Frau, die ihm das Angebot gemacht hat, mit ihr, ihrem Ehemann und deren gemeinsamen Tochter zu leben. Der junge Herr Markovic nahm dankend an und auch der Ehemann fügte sich.

Das wunderliche Arrangement funktionierte vermutlich deswegen, weil der gnädige Herr so fürchterlich in seine bildhübsche und hochintelligente Gattin verliebt war. So mutmaßt Herr Markovic heute. Aber auch um Herrn Markovic war es wohl geschehen. Inzwischen leben nur noch Herr Markovic und die Tochter des Ehepaares, welche selbst nie geheiratet hat und ebenfalls bis vor kurzem in der Wohnung ihrer Eltern wohnte. Bis zu jenem Tag, an dem gewisse Nachbarn dem ledigen Fräulein an den Kopf geworfen haben, sie würde wohl nicht nur Rosenkranz beten mit dem Herrn Markovic – so alleine in der Wohnung. Das war zu viel für die gute Frau.

Markovic:   Da ist sie gekommen zu mir, ganz rote Gesicht, und hat gesagt „Nein! Das lass ich mir nicht länger sagen!“ und ist ausgezogen. Jetzt wohnt sie oben. Ohne Kommodität.

Das leuchtet Herrn Markovic zwar nicht ein, denn oben gibt es kein Warmwasser, keine Heizung und Klo nur am Gang. Wohingegen es unten, bei ihm, alles gibt. Aber es ist dem Fräulein lieber so, denn sonst reden die Leute. So sind sie nun eben Nachbarn und das Fräulein kommt täglich um 19:00 runter zu Herrn Markovic und macht Abendessen für die beiden. Um 20:00 geht sie wieder rauf. Dann sieht Herr Markovic fern und denkt darüber nach, wie wunderlich die Dame doch ist und was für ein lieber Mensch.

 

Herr Markovic im Café Weidinger
© Julia Koch 

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Was Herr Markovic im Gänsehäufel macht, was er über die Frauen zu sagen hat und wofür er im Leben am meisten dankbar ist, das lesen Sie auf lieblingsleben.blog!

Ich freue mich, wenn Sie vorbeischauen!

Kommentare

Super Idee! Mich interessieren die individuellen Schicksale der Menschen auch sehr, da so einzigartig wie die Menschen halt auch sind. Alles Gute weiterhin dazu!
LG Rainer

Super, mehr davon!

Macht ganz viel Lust auf mehr - danke schon mal für diesen tollen Beginn!

tolles foto

Das ist wirklich ein gutes Projekt und eine sehr gut geschriebene Story. Bitte mehr davon. Könnte vielleicht sogar einen Verlag interessieren.

Ich liebe Geschichten von Menschen, die etwas zu erzählen haben! Danke Julia für das herzige Interview mit Herrn Markovic und die wunderbaren Fotos... Es animiert mich, auch mehr zu fragen... mehr zu schauen .... Und ich freue mich über mehr Geschichten ;-)

Tolle Sache, nur Schade dass die anderen immer nur negatives Denken. So musste das Fräulein ausziehen um dem ewigen Geschwätz zu entgehen.

Vielen Dank! Freut mich!

:-)

Freut mich sehr!

Dankeschön!

Ja, das wäre natürlich schön! :-) Mal schauen, was die Zukunft bringt... Danke für das Feedback!

Danke, Dagmar, freut mich sehr zu hören!

Super Idee. Habe schon seit meiner Jugend die Geschichten älterer Menschen gerne gehört und es hat mich interessiert wie das Leben damals so war.
Freu mich auf die nächsten Geschichten.

feiner und vor allem feinfühliger Feuilleton-Journalismus, besser als das Allermeiste in der hiesigen Presselandschaft