Menschen von nebenan: Mitzi

Gespeichert von Julia am 26. November 2017 - 8:59
Tags: Menschen von nebenan

Mitzi in ihrem Geschäft Clausen in der Neubaugasse

Ich hab ganz kleine Schrauben gebraucht. Für meinen Kleiderkasten. Sehr kurze, sehr besondere Schrauben, die ich nirgends finden konnte. Man verwies mich an das Geschäft „Clausen“ in der Neubaugasse in Wiens siebtem Bezirk. Sicherheitshalber rief ich vorher dort an und wurde gleich mal angebellt. Ohne genügend Fakten zur gesuchten Schraube zu liefern, könne ich mir keine Auskunft erwarten. 

Recht hatte sie, die Maria „Mitzi“ aus dem Schraubenladen „Clausen“. Aber ein bisschen gezittert hab ich dann trotzdem, als ich hinging. 

Das Geschäft und die Bedienung entpuppten sich als wahre Unikate und ich bat zusätzlich zu den Schrauben um ein Interview, das mir bereitwillig gestattet wurde.

Ein Auszug

Mitzi: Damals hab ich grad meinen Mann kennengelernt und wir haben eine Wohnung im Siebzehnten gekauft. Ich wollt nicht in einer Mietwohnung wohnen. Da steck ich kein Geld rein. Ich hab dann den Kaufpreis auf die Hälfte runterg’handelt.

So konnten sich der Schweißer und die arbeitslose Buchhalterin ein Zuhause leisten, in dem Mitzi heute noch wohnt. Seit 37 Jahren. Mitzi mag die Gegend und die Tatsache, dass sie die Leute dort kennt. 

Mitzi: In der Zeit, in der ich dort wohn, sind auch schon viele Leute wegg’storben. Auch logisch. 

Julia: Hat sich die Gegend verändert in diesen Jahren?

Mitzi: Na sicher hat sie sich verändert. Stark verändert. Viele Häuser wurden wegg’rissen und neue gebaut. Unser Haus ist so ziemlich das älteste in der ganzen Umgebung. Die Tischlerei am Eck gibt’s auch nimmer, weil die Kinder die nicht übernehmen wollen. Und die Elektrik (Anm.: Geschäft) ist auch weg. Aber ich mag die Gegend, weil ich es gewohnt bin dort. Das Grätzl ist eigentlich Siebzehnter und Sechszehnter. 

Und so waren früher eingeschriebene Briefe im Sechszehnten, aber Pakete im Siebzehnten auf der Post abzuholen. 

Mitzi: Des war immer Schei... Scheibenkleister. Zum Glück hab ich seit ich dort wohn nur insgesamt zweimal ein Paket kriegt. Einmal hab ich selber was bestellt und einmal war’s der Donaulandkatalog. 

Julia: Zwei Pakete in 37 Jahren?

Mitzi: Das hat mir g’reicht. Von mir auffe in die Wattgassen und z’ruck! Als Kind mussten wir immer Pakete bestellen, weil da hat’s ja nix geben am Land. Von Kastner & Öhler oder so. Der Papa hat eh immer geschimpft, weil der war ja bei der Post. „Eure depperten Packerln!“ Aber es hat ja kein Auto geben. Das erste Auto, das wir in der Familie g’habt haben, war das vom Mann von meiner zweiten Schwester irgendwann in den 70ern. Ein Käfer. Sein heiliger Käfer. Da hat man nicht mit Straßenschuhen rein dürfen.

Julia: Und wie mögen Sie es hier im Siebten?

Mitzi: Den Siebten mag i überhaupt net. Na, ich mein, Ende der 70er is noch halbwegs g’angen. Da haben noch die alten Bewohner hier g’wohnt. Damals hab ich noch viele Leute kannt, die am Spittelberg gewohnt haben. Aber seit neunzehnirgendwas haben die da gewohnt, also seit nach dem Krieg irgendwann. Aber es kam halt dann in den 80er Jahren des... (sie stoppt, schaut mich kurz von unten bis oben an und sucht nach der passenden Bezeichnung) ...Volk, das nur in den Siebten zieht.

Und dieses „Volk“, das mag die Mitzi nicht leiden. 

Mitzi: Die Nasen so hoch oben, grad dass net eineregnet. 

In den 80ern kam dann der Spittelberg-Markt. Der Erste war noch mit richtigem Handwerk. Da gab’s eine Halle mit Glasbläsern und Schmieden. 

Mitzi: Des war noch ein Markt! Aber heute geh ich auf keinen Weihnachtsmarkt mehr.

Ein Kunde unterbricht unser Gespräch. Er drängt sich in den kleinen Raum, den ich und meine Tasche quasi bereits ausfüllen. 

Fachkundig versteht Frau Mitzi sofort, um was es sich bei der Anfrage handelt und holt zielsicher in einem der mit Schachteln und Schächtelchen vollgestopften Regalgänge die passende Auswahl. Sie schleudert die Schrauben auf die kleine Theke. Der Kunde erschrickt etwas. 

Mitzi: Wieviel Stück?

Kunde: Vier. Gibt’s von denen auch die flache Version?

Mitzi: Na, nur die mit Selbstsicherung.

Kunde: Und dann brauch ich noch drei mit Senkkopf.

Mitzi: Kreuz oder Schlitz? Verzinkt oder rostfrei? Und die Länge.

Die letzte Frage ist keine Frage mehr. Mitzi wird langsam ungeduldig. Der Kunde gibt nicht genug Information zum gewünschten Produkt.

Kunde 1 gibt Kunde 2 die Klinke in die Hand. Dieser bräuchte bitte eine Sicherungsscheibe.

Mitzi: Des is ka Sicherungsscheiben, des heißt Schnellbefestigungsscheibe. Wie groß ist die Welle? Ich brauch den Durchmesser der Welle. Ich hab Vierer, Fünfer, Sechser, Achter, Zehner.

Sie klatscht die Säcke mit den Schnellbefestigungsscheiben auf die Theke und schimpft etwas über den Lärm der Baustelle vor der Türe. Mitzi möchte gerne eine Stinkbombe in den Aggregator werfen. Vielleicht wäre das störende Surren dann beendet.

Auch Kunde 2 ist verunsichert durch Mitzis außergewöhnliches Auftreten, geht dann aber am Ende - wie auch der erste Kunde - zufrieden mit dem Kauf wieder nach Hause. 

Man muss sie einfach kennenlernen, die Mitzi. Ich will nicht sagen, sie meint das nicht so. Da bin ich mir nicht sicher. Sie fordert die Kunden durchaus dazu heraus mitzudenken. Aber ich kann sagen, sie hat einen sensiblen Kern, der für Freundlichkeit sehr empfänglich ist. Und sie kennt sich mit Schrauben aus wie eine Weltmeisterin. 

Ich jedenfalls werde weiterhin bei der Mitzi meine Schrauben kaufen. Ein Erlebniskauf, der mir noch lange in Erinnerung bleiben wird. Sind es doch diese kleinen Geschäfte, die das Stadtleben ausmachen und unserem Wien seinen Charme verleihen. 


Das ganze Interview mit Mitzi gibt es auf lieblingsleben.blog zu lesen. Sie erzählt von ihrer Kindheit mit Zigeunern und einer Hexe und von den 70ern in Wien. Man kann noch das eine oder andere von Mitzi lernen. Ich freue mich über Besuch!

Eure Julia

www.lieblingsleben.blog
lieblingsleben.blog auf instagram
lieblingsleben.blog auf facebook

 

Orte:  Wien, 1070 Neubau

Kommentare

Interessanter Artikel.
Kaufen würde ich dort auf jeden auf Grund dieser Beschreibung nichts mehr.
Zu Kunden unfreundlich zu sein,.....unter dem unbewussten Deckmantel eines ,,Unikats", oder ob der Unzufriedenheit heraus, dass im 7ten Bezirk jetzt ,,andere" Menschen wohnen und dieser sich verändert hat, geht GAR NICHT!
Ich kenne den Bezirk sehr gut (habe 15 Jahre dort gewohnt).
Diese alteingesessenen Geschäfter gibt es dort noch vereinzelt.
Es dürfte Usus sein, dass der Wiener Grantscherm dort beheimatet ist.

Hoffentlich mach dort bald eines dieser (der Dame so verhassten) ,,Hipsterlokale" auf.
Denn Schrauben bekomme ich auch andernorts.
Und dann vielleicht sogar mit einer zuvorkommenden Bedienung!

Im Siebten mangelt es sicher nicht an Hipster-Lokalen. :-) Ich bin selbst eine Besucherin dieser, kann aber durchaus auch die alteingesessenen Geschäfte schätzen. Für mich machen sie einen großen Teil dessen aus, was ich (als Vorarlbergerin) als Wienerisch bezeichne und mögen gelernt habe. Übrigens war Mitzi mit mir, die sie sicherlich in die neuen Hipster-Kategorie eingeteilt hatte, sehr freundlich und äußerst geduldig mit all meinen Fragen. Sie hat nichts als Gegenleistung erwartet (und auch das Geschäft ist nicht das ihre). Ich war also wirklich positiv überrascht, was hinter oder unter dem Murren versteckt war und bin sehr dankbar für ihre Geduld und die offene Bereitschaft! (p.s. Auch die Spezialschrauben, die ich benötigt habe, konnte ich niergendwo anders auftreiben! In keinem Baumarkt oder anderem Schraubenfachhandel.)

Viel Spass im Baumarkt mit Auswahl NULL und Preisen wie in der Apotheke, wenn es eine Kleinmenge sein soll.

Ich kann das verlogene "der Kunde ist König" und die angeblichen "Service-Atitüden" der ach so service-orientierten "modernen" Betriebe nicht mehr hören oder sehen. Da sind mir solche Originale und "Grantscherm" 100x lieber, weil die wenigstens noch wissen, wovon sie reden. Leute, die sich auskennen, will sich der "moderne Handel" nämlich nicht mehr leisten.

Aber für die Mehrheit reicht es offensichtlich. Lieber ein bißchen aufgesetzte Freundlichkeit statt echter Kompetenz.

an Patrick:
Die Mitzi ist halt ein Original. Ich war beim 1.x auch ein bischen brüskiert, aber beim 2.x gings dann schon.

Fakt ist jedenfalls, dass man dort wirklich JEDE Schraube bekommt. Als Kunde ist man sich nicht über die Auswahl bewußt und gibt daher kaum Infos was man braucht. Verstehen kann ich deshalb die Mitzi, weil es echt fad ist, wenn du ständig die gleichen Fragen stellen mußt.

Wie auch immer, für mich ist der 7. Bezirk einfach unschlagbar. Bin hier aufgewachsen, war dann 15 Jahre in Deutschland und seit 2000 wohne ich wieder in "meinem" Bezirk.

Liebe Grüße
Roswitha

Genau!!

"Genau" war zum Post von Matthias gemeint

Hallo! Also ich kenne den Inhaber (Ex Lebenspartner)wie auch die Verkäuferin. Wenn man mit Witz bedient werden möchte muss man vormittags in das Geschäft, da steht Der Inhaber im Geschöft und bedient sehr fachmännisch und höflich👍Fr.Mitzi ist ein Unikat würde ich sagen, trockener Humor aber Fachwissen 1A .

Vielen Dank für das schöne Interview! Die Mitzi hat recht! Ich möchte sehr gerne meine Schrauben dort kaufen. Wo genau ist denn das Geschäft?