Nachbarschaftshilfe für Traiskirchen

Gespeichert von Angela am 7. September 2015 - 12:11
Tags: Nachbarschaftshilfe, Lieblingsnachbarn

Nachbarschaftshilfe in Traiskirchen - ein ganzes Auto voll davon!

In beinahe allen Grätzln haben Nachbarn zu Hilfe für die Menschen in Traiskirchen aufgerufen, Spenden gesammelt und abgegeben, haben Projekte bekannt gemacht, bei denen man helfen kann, wie den Deutschkurs für Flüchtlinge und viele sind selbst hingefahren. Immer hat es Wellen geschlagen. Diese Hilfsbereitschaft ist unglaublich schön! Danke euch! Stellvertretend möchten wir euch die Initiative von Selina, einer Nachbarin aus dem dritten Bezirk, kurz vorstellen: 

Ich wollte irgendetwas tun

Selina ist 27 Jahre alt und Schauspielerin. „Ich wollte irgendetwas tun, um die Lage der Menschen in Traiskirchen zu verbessern. Die Zustände dort sind seit Monaten bekannt. Eine humanitäre Katastrophe, 30 Kilometer von Wien entfernt, in einem der reichsten Ländern der Welt.” Helfen war eigentlich ganz einfach. „Es war alles da: Eine Organisationsstruktur mit genauen Angaben von der Caritas bezüglich wie und was man spenden kann, Hilfsbereitschaft von Menschen in meiner Umgebung, ein Auto, das ich mir leihen konnte.” 

So hat sie bereits im Juli über Facebook und im privaten Umfeld dazu aufgerufen, ihr „Willkommenspakete” vorbeizubringen und hat auch einen Brief in ihrem Wohnhaus aufgehängt. Für ihre zweite Aktion im August hat sie sich zusätzlich auf FragNebenan registriert und die Nachbarn mobilisiert. „Beide Male kam einiges zusammen. Beim zweiten Mal haben mir mehrere Leute quasi anonym Pakete vor die Tür gestellt. Das waren wahrscheinlich Nachbarn von FragNebenan – herzlichen Dank :)" Im letzten Moment hat sie dann auch noch in einem Kosmetikladen nachgefragt. "Aus dem Lager habe ich sofort circa 40 Handtücher bekommen – toll!

Eindrücke

In Traiskirchen selbst war Selina dann nur” zwei Mal persönlich, um die gesammelten Willkommens- bzw. Hygienepakete abzugeben. „Das Lager platzt aus allen Nähten. Um das Gebäude herum stehen Zelte, teilweise liegen Menschen, darunter Alte, Kinder und Säuglinge, auf Decken oder Planen auf der nackten Erde oder auf dem Bürgersteig. Viele spielende Kinder. Bei meinem ersten Besuch hatte es 38 Grad, beim zweiten Besuch hat es geregnet. So oder so, die Menschen sind dem Wetter nahezu schutzlos ausgesetzt. Aus Gesprächen erfahre ich einmal mehr: Es gibt kaum Privatsphäre. Die angebotene medizinische Versorgung, die so dringend benötigt wird, reicht bei weitem nicht aus. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein sehr süßes Baby, welches unter starker Skoliose leidet. Es muss dringend behandelt werden, und die Eltern (in meinem Alter, aus Syrien, haben noch ein weiteres Kleinkind) versuchen verzweifelt, einen Arzt aufzutreiben. Die Menschen befinden sich in einer absoluten Extremsituation, werden mit ihren dringendsten Fragen allein gelassen und haben keine Ansprechpersonen. Immer wieder bricht jemand körperlich oder psychisch zusammen. Zum Beispiel müssen sie sich stundenlang anstellen, um etwas zu essen oder eine Auskunft zu bekommen. Ein Mann wurde, nachdem er endlich dran war, nach vorn geschubst, weil in der Schlange Unruhe entstanden war. Daraufhin wurde er angeschrien und des Raumes verwiesen und hat dann, in seiner Wut und Hilflosigkeit, alle seine Dokumente zerrissen.
Die Flüchtlinge, die ich in Traiskirchen auf der Straße getroffen habe, machen trotz alldem einen höflichen und freundlichen Eindruck, lächeln und nicken einem zu, bedanken sich für Hilfe und freuen sich, mit einem ins Gespräch zu kommen.

Über die Hilfsdienste berichtet sie: Die Caritas hat ihre ursprüngliche Sammelstelle verlagert, um mehr Kapazitäten zu haben. Die Mitarbeiter sind sehr nett, man merkt ihnen den Druck und die Belastung an. Bei meinem zweiten Besuch habe ich zusammen mit 80 bis 100 anderen Freiwilligen und Flüchtlingen in einem großen Zelt beim Sortieren der Spenden geholfen. Die Spenden- und Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung ist sehr groß, das ist wunderschön.

Für alle, die gerne mehr erfahren möchten über die Situation vor Ort, hat sie einen Tipp: Auf Facebook berichten viele Menschen von ihren Erfahrungen und der Situation in Traiskirchen. Gerne verweise ich auf Wir helfen. oder die Bloggerin Dariadaria.

Was man tun kann

Vielleicht ist es so einfach wie noch nie zu helfen, egal ob man viel Geld hat oder wenig, Zeit hat oder nicht, viel Motivation mitbringt oder wenig, laut oder leise sein will. Ob man

  • bei dm an der Kassa ein Hygiene-Spendenpaket finanziert (5 Sekunden),
  • eine Patenschaft für einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling übernimmt (ein paar Stunden die Woche)
  • einen Deutschkurs gibt 
  • oder sogar einen Flüchtling bei sich wohnen lässt. 

Die Möglichkeiten, etwas beizutragen, sind vielfältig. Momentan werden dringend Quartiere benötigt. Wenn man etwas weiß, von einer leerstehenden Wohnung o.ä., reicht vielleicht ein Anruf den man tätigt (zur Kontaktliste auf SOS Mitmensch), und man hat einem oder mehreren Menschen in Not entscheidend geholfen.

Es gibt bei Facebook viele Gruppen, in denen Menschen sich vernetzen, um zu helfen. So beispielsweise Refugees welcome to Austria, Wir helfen, Unterstützung der syrischen Flüchtlinge in Österreich, wo man auf Postings reagieren oder seine Unterstützung anbieten kann.

Und eine tolle Auflistung, was man tun kann, findet man bei SOS Mitmensch.

Auch in Wien selbst kann man natürlich aktiv werden. Aktuell (3. Oktober) sucht das Flüchtlingsprojekt Habibi im 19. dringend Mitarbeiter. Freiwillige können sich in der Doodle Liste eintragen

Selina schließt: "Ich traue mich zu sagen, dass man bei alldem auch selbst ungemein profitiert. Sei es, weil man sich von Dingen trennt, die man nicht benötigt und die andere umso dringender brauchen. Sei es, weil man Menschen kennenlernt, die so andere Lebensgeschichten haben und mit denen uns doch so viel verbindet, von denen wir so viel lernen können. Oder weil man über seinen Schatten springt, in welcher Hinsicht auch immer. 

Danke, Selina! <3

 

Orte:  Wien

Kommentare

Auch eine Initiative aus der Landstraße: In Wien Erdberg werden ebenfalls Deutschkurse von Ehrenamtlichen gehalten, hier kann man sich melden: http://deutschohnegrenzen.org/mitmachen/ https://www.facebook.com/germanwithoutborders

Seit Angela Lau und ich den Bericht verfasst haben, ist viel passiert. Momentan wird an vielen Orten wie Nickelsdorf, dem Westbahnhof Wien, Hauptbahnhof Wien, den Hauptbahnhöfen in Linz, Salzburg und München und natürlich an vielen anderen Orten Hilfe gebraucht, um die ankommenden (und durchreisenden) Flüchtlinge erstzuversorgen. Hierfür empfehle ich die Homepage www.refugees.at, wo genau und ständig aktualisiert aufgelistet wird, wie die Lage vor diversen Orten ist und welche Spenden wo gebraucht werden (Materialspenden, aber auch Zeitspenden von Helfern aller Art, Ärzten, Juristen, Dolmetschern etc.)
Es ist so furchtbar, was alles passiert, aber: die Hilfsbereitschaft, die Solidarität von so vielen Menschen ist ein Segen! Danke dafür.
Mit lieben Grüßen, Selina

War gestern beim Hauptbahnhof und habe Sachspenden hingebracht. Besonders gefreut haben sie sich über feste Männerschuhe und über Pflegeprodukte in kleinen Größen (die Dinger, die man in Hotels bekommt, Shampoo, Duschgel, Körperlotion in Kleinformat). Sie brauchen dort überraschender Weise keine Pampers und keine Damenbinden (mehr?). Wer Wasser hinbringt: Bitte nur ohne Kohlensäure, Kohlensäuregetränke werden von den Flüchtlingen nicht getrunken, sie kennen das nicht, wurde mir gesagt.

Ich finde es ganz toll, dass auch über FragNebenan viel über die Möglichkeiten, Flüchtlingen zu helfen, informiert und sehr viel organisiert wird.
Danke auch dir, Selina, für die vielen Informationen und anschaulichen Berichte. Und auch allen weiteren, die in dieser Sache auf die eine oder andere Weise hilfreich tätig sind.
Auch ich war schon in Traiskirchen und habe ähnliche Erfahrungen gemacht. Jeder, der das möchte, kann auf seine Weise und im Rahmen seiner eigenen Möglichkeiten etwas beitragen.
Ich informiere mich auch viel über Facebook, denn wichtig ist schon auch zu wissen, was jeweils wo und wann gerade wirklich benötigt wird.
Und auch wenn man selbst mit praktischen Dingen oder finanziell nicht viel oder auch gar nicht helfen kann, dann ist es schon sehr viel und wichtig, seine eigene Haltung der Menschlichkeit, Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und Solidarität anderen gegenüber auszusprechen, zu zeigen und mutig dazu zu stehen, finde ich.
Das macht auch anderen Mut, seine eigene Meinung kundzutun, auch sich und andere weiter zu informieren und zu helfen, wo es geht, und zeigt, dass es sehr, sehr viele gibt, die trotz teils verständlichen und teils geschürten Ängsten und viel Aufhetzerei ihre natürlichen Werte und Impulse der Menschlichkeit, der Verbundenheit, des Mitgefühls und der Hilfsbereitschaft nicht verloren haben, und einfach denen, die in Not sind und mit denen wir alle in einem Boot sitzen, beistehen.

Ich finde es großartig wieviel sich da an Hilfsbereitschaft zeigt und denke, dass es auch in Zukunft (Wiener Wahlen!!) wichtig sein wird, denen, die die Ängste schüren entgegenzutreten. Es wird übrigens laufend im Salon am Park gesammelt (Kleidung, Hygieneartikel usw.)